Frankfurt, 15. Oktober 2026 – Eine wettbewerbsfähige Industrie braucht innovative Fertigungsprozesse und die wiederum hängen wesentlich von modernen Produktionstechnologien ab. Ein Schmelztiegel für neueste Forschungsergebnisse ist der WGP-Jahreskongress. Vom 6. bis 9.Oktober 2026 stellten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum in Hannover neuartige Verfahren, Technologien und Methoden der industriellen Fertigung vor. Unter dem Motto „Wettbewerbsfaktor Produktionstechnik: innovative Prozesse gestalten, Wertschöpfung sichern“ wurden zwei Tage lang mit rund 95 Paper noch einmal mehr Forschungsarbeiten vorgestellt als im vergangenen Jahr. „Nicht nur die steigende Zahl der Beiträge, auch ihre wissenschaftliche Fundiertheit zeigen die Bedeutung des Kongresses für die Zukunft unserer Industrie“, freut sich Prof. Jürgen Fleischer, Präsident der WGP (Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik) und Leiter des Instituts für Produktionstechnik (wbk) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). „So öffnete sich in Hannover einmal mehr ein Fenster zu den produktionstechnischen Themen von morgen, die das produzierende Gewerbe mitgestalten werden.“

Die Forschungsstärke deutscher Universitäten in der Produktionstechnik spiegelten sich in der Bandbreite der Themenbereiche. Es wurden Paper mit derzeit stark fokussierten Schwerpunkten wie digitaler Transformation und datengetriebener Produktion sowie Robotik und Automatisierung vorgestellt. Der Blick wurde aber auch auf Skalierbarkeit einzelner Produktionssysteme, neue Fertigungsverfahren und nicht zuletzt nachhaltiger Wertschöpfungssysteme gerichtet.

Von neuen Produktionsverfahren bis Kreislaufwirtschaft

Aufgrund abnehmender Ressourcen und unsicherer Lieferketten denken immer mehr Unternehmen über nachhaltige Wertschöpfungssysteme nach. Hier kommen beispielsweise Multi-Roboter-Fertigungszellen ins Spiel, die sich für flexible Automatisierung sehr gut eignen. Diesem Thema widmet sich Max Goebels vom wbk Karlsruhe in seiner Dissertation. Neue Programmierungen der Zellen bei wechselnden Produkten dauern oft mehrere Wochen oder gar Monate und erfordern hohes Fachwissen. Daher werden solche Zellen bislang vor allem in Standardprozessen mit wenig Varianzen eingesetzt. Aufzuarbeitende Produkte in einer Kreislaufwirtschaft sind jedoch sehr variabel: „Entsprechend werden diese Aufarbeitungen meist manuell durchgeführt. Um diese Prozesse wirtschaftlich zu machen, muss die Programmierung von Multi-Roboter-Zellen automatisiert werden“, so Goebels. „Wir konzipieren hierfür ein Rahmenwerk für die Aufgaben- und Bewegungsplanung.“ Das kurz MR-TAMP genannte Werk ist als Gesamtkonzept angelegt; die Operationsplanung hat der Forscher bereits anhand der Demontage einer Batterie für Elektrofahrzeuge in Simulationen getestet. Der Einsatz von vier statt zwei Robotern verkürzte dabei die Bearbeitungszeit (Makespan) um 41,5 Prozent.

Zum Thema innovative Fertigungstechnologien stellte Jannik Lehner vom Institut für Steuerungstechnik der Werkzeugmaschinen und Fertigungseinrichtungen (ISW) Stuttgart seine Forschungsarbeit vor. Bei der Produktion sehr großer Bauteile wie Flugzeugflügel werden in der Regel Zahnstange-Ritzel-Antriebe genutzt. Zahnstange und Ritzel verlieren jedoch in bestimmten Systemzuständen kurzzeitig den Kontakt, was zu Bahnabweichungen führt und die Produktqualität beeinträchtigt. Lehner konnte zeigen, dass die Auswirkungen dieses Umkehrspiels stark vom Verlauf der geforderten Beschleunigung nach Spielüberwindung abhängen. „Durch eine dynamische Anpassung der Sollgeschwindigkeit können wir die Dauer des Spiels verkürzen und den verursachten Positionsfehler um mehr als 60 Prozent reduzieren“, fasst Lehner das beachtliche Ergebnis zusammen.

Schlaue Lösung für kühlere Sägeblätter

Zum Themenbereich der innovativen Fertigungstechnologien wurde auch der Best Paper Award verliehen. Die Jury zeigte sich überzeugt von einem Team des Instituts für Werkzeugmaschinen (IfW) Stuttgart. Die Forschenden haben eine Lösung für das bekannte Problem entwickelt, dass beim Sägen schwer zu zerspanender Materialien wie Titan die Kreissägeblätter thermisch stark belastet werden. Durch die Integration von inneren Kühlschmierstoffkanälen lässt sich die Temperatur im Zerspanungsprozess herunterregulieren. Aufgrund der geringen Blattstärke ist es jedoch entsprechend aufwändig, die Kanäle zu integrieren.

Johannes Ramme als Erstautor und Co-Autor Dr. Rocco Eisseler, der den Vortrag hielt, zeigten, dass es möglich ist, die Geometrie des dünnen Blattes so zu verändern, dass die Strömungseigenschaften des Kühlschmierstoffs (KSS) optimiert werden, um weniger Kanäle in das Sägeblatt einbringen zu müssen.

„Eine gezielt geformte Einlaufgeometrie, inspiriert von Strömungsformen aus der Luftfahrt, lenkt das Kühlmittel auf seinem Weg zu den benachbarten Zahnlücken“, erläuterte Fleischer in seiner Laudatio. „So erreicht deutlich mehr Kühlmittel die Stellen, an denen es gebraucht wird, und das ganz ohne zusätzliche Kanäle. Die Simulationen zeigen, dass die Zahnlücken schneller und um gut neun Prozent besser gefüllt werden.“

Diese und die zahlreichen anderen Forschungsarbeiten und Kooperationen inspirierten zwei Tage lang die Zuhörer, bevor am letzten Tag Unternehmen besucht wurden, die ihre Produktionshallen für die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler öffneten: So war der Jahreskongress auch in diesem Jahr eine Inspiration für alle Beteiligten.

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Bild 1: Dr. Rocco Eisseler aus dem Siegerteam auf dem WGP-Jahreskongress in Hannover, 06. – 09. November 2026 (v.l.n.r. Dr. Rocco Eisseler, IfW Stuttgart; Theresa Scholl, IFU Stuttgart; Michael Madry, Volkswagen; Moritz Rudlaff, IFU Stuttgart). Quelle: WGP / Torge Kolditz

Bild 2: Prof. Jürgen Fleischer; WGP-Präsident. Quelle: wbk Karlsruhe