Frankfurt, 26. Oktober 2026 – Florian Stamer, 35 Jahre alt und Professor für Produktionsmanagement am Institut für Produktionstechnik und -systeme (IPTS) der Leuphana Universität in Lüneburg, ist der Preisträger der diesjährigen Otto-Kienzle-Gedenkmünze der WGP. Die Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik hat die renommierte Münze im Rahmen ihres Jahreskongresses vom 6. bis 9. Oktober 2026 in Hannover vergeben. „In diesem Jahr würdigen wir einen außergewöhnlich erfolgreichen jungen Wissenschaftler“, erläutert Prof. Jürgen Fleischer, Präsident der WGP und Leiter des wbk Instituts für Produktionstechnik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). „Mit neuartigen KI-Anwendungen schafft er Voraussetzungen für Unternehmen, Kosten, Materialien und Ressourcen einzusparen. Das ist heute notwendiger denn je, um sich in einem schwierigen Markt behaupten zu können. Zudem denkt er bei seinen Forschungsarbeiten immer auch den Transfer in die industrielle Praxis mit. Diese Weitsicht hat uns als WGP bewogen, ihn entsprechend zu honorieren.“

Für seine wissenschaftliche Laufbahn hat sich Florian Stamer selbst ein hochgestecktes Ziel gesetzt: „Ich möchte Unternehmen für ihre Produktion eine nahtlos KI-getriebene Entscheidungsunterstützung zur Verfügung stellen – von der Variantenplanung über die Fertigung bis zum Remanufacturing.“ Schon die Projekte während seines Studiums gingen in diese Richtung. Im Rahmen seiner Dissertation entwickelte der Wirtschaftsingenieur eine KI-basierte Lösung, die Preise und Lieferzeiten dynamisch festlegt und somit den Absatz mit der Produktionskapazität harmonisiert. „Kunden, die eine Expresslieferung wünschen, zahlen mehr und Kunden, die sich beim Liefertermin flexibel zeigen, erhalten Rabatt“, erläutert der Lüneburger Wissenschaftler. „KI beobachtet die Auslastungen und erstellt ein davon abhängiges Angebots-Menü mit Express-, Standard- oder langfristiger Bestellung.“

Profitabilität in zirkulären Wertschöpfungsketten

Im Mittelpunkt seiner Forschung steht die Verbindung etablierter Methoden des Produktions- und Qualitätsmanagements mit neuen KI-Verfahren, um industrielle Entscheidungsprozesse effizienter, robuster und ressourcenschonender zu gestalten. Er optimierte Prozesse, indem er Lean Management-Methoden digitalisierte, nutzte Digitale Zwillinge für eine verbesserte Layout- und Kapazitätsplanung und arbeitete an kognitiven Produktionssystemen, die Störungen antizipieren und adaptiv reagieren. „Es geht mir bei meiner Forschung auch immer um die Frage, wie Profitabilität gesichert werden kann, dabei aber gleichzeitig der Verbrauch von Material und Energie in zirkulären Wertschöpfungsketten reduziert wird.“

Einen wichtigen Karriereschritt machte Stamer praktisch zeitgleich mit seiner Promotion 2022: Am wbk Karlsruhe wurde er zum Oberingenieur ernannt und übernahm die Leitung der Gruppe „Qualitätssicherung“. In den drei Jahren, in denen er die Gruppe leitete, hat er beeindruckende 14 Förderprojekte eingeworben, darunter von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). „Ich hatte das große Glück, mit unseren Ideen den Nerv der Zeit zu treffen – und sie mit genau dem richtigen Team umsetzen zu dürfen.“ Auch mehrere Auszeichnungen hat der in Wirtschaftsingenieur für seine Arbeiten bereits erhalten, wie zum Beispiel den Blanc & Fischer Innovationspreis.

Transfer in die Praxis mitdenken

Die enge Zusammenarbeit mit Industrieunternehmen ist das Rückgrat seiner Forschungsschwerpunkte. „Unsere Industrie steht unter erheblichem Veränderungsdruck. Als Forschende in der Produktionstechnik tragen wir Verantwortung, gemeinsam mit den Unternehmen Lösungen zu entwickeln, die industrielle Wertschöpfung in Deutschland langfristig wettbewerbsfähig, resilient und nachhaltig machen“, betont Florian Stamer. Um ganz reale Einsparungsziele geht es etwa in dem Projekt VisInspecLLM, in dem er gemeinsam mit Industriepartnern ein KI-gestütztes System zur optischen Qualitätssicherung entwickelt. Ziel ist es, die Inspektion im Remanufacturing effizienter zu gestalten und damit die wirtschaftliche Wiederverwendung von Bauteilen zu erleichtern. Ein weiteres Beispiel ist das neue, von der EU geförderte Projekt HumAIne – Learning from Humans. Hier steht die Entwicklung vertrauenswürdiger, menschenzentrierter KI sowie der Aufbau einer leistungsfähigen Forschungsinfrastruktur im Mittelpunkt. Sie soll innovative KI-Anwendungen unter anderem in Produktion und Lieferketten ermöglichen und zugleich die technologische Souveränität Europas stärken. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass KI in der Produktion eine deutlich größere Rolle spielen wird als bisher – insbesondere in der Produktionsplanung und -steuerung. Entscheidend wird sein, wie wir KI gestalten, damit sie Beschäftigte bei komplexen Entscheidungen unterstützt und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie stärkt.“

Gute Lehre fragt nach dem Sinn

Neben den Gestaltungsmöglichkeiten für eine zukunftsfähige Produktion liegt dem gebürtigen Hamburger aber auch die Arbeit mit Studierenden am Herzen. „Gute Lehre zeigt aus meiner Sicht zuerst den Sinn auf. Warum ist dieses Thema wichtig? Es lässt sich sehr viel leichter Begeisterung für Lehrstoff wecken, wenn klar ist, wozu es benötigt wird.“ Prof.in Gisela Lanza, Leiterin am wbk und seine Doktormutter, ist ihm auch in der Lehre ein großes Vorbild. „So wie sie Energie für ein Thema ausstrahlt, ist der Nachwuchs sehr schnell von der Produktionstechnik begeistert.“

Bei all den Aktivitäten stellt sich natürlich die Frage, wo da noch Zeit für das Privatleben bleibt. Florian Stamer hat damit kein Problem: „Ich bin in der glücklichen Lage, mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben.“ In seiner freien Zeit beschäftigt er sich gerne mit den neuesten technischen Durchbrüchen und Entwicklungen – wenn er nicht gerade Tripp Trapps oder anderes Kindermobiliar zusammenbaut. Davon braucht er nun jeweils zwei, denn vor kurzem ist er Vater von Zwillingen geworden.

 

Weitere Informationen zu Projekten

 HumAIne

VisInsepcLLM

 

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Bild 1: Florian Stamer, Quelle: Leuphana Universität Lüneburg

Bild 2: Prof. Jürgen Fleischer; WGP-Präsident. Quelle: wbk Karlsruhe