Glasgow hat zweierlei gezeigt: Es gibt ein gewisses Einvernehmen, dass dringend etwas getan werden muss gegen die Beeinflussung des Klimas durch den Menschen. Und: Disruptive, revolutionäre Veränderungen erscheinen nicht durchsetzbar. Das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Epoche zu beschränken, wurde auf der Weltklimakonferenz wider besseren Wissens fallengelassen.  Denn selbst, wenn alle dort getroffenen Beschlüsse eingehalten werden, steuern wir auf eine um 2,4 Grad wärmere Welt zu – mit allen drohenden Konsequenzen.

Die Delegierten haben bei weitem nicht alle Register gezogen. Es fielen zwar Begriffe wie „grüner Stahl und Aluminium“, doch damit war der Sektor Industrie auch schon abgehandelt, obwohl er global der drittgrößte Verursacher bei den energiebedingten CO2-Emissionen ist, hinter der Elektrizitäts-/Wärmeerzeugung (1.Platz) und dem Sektor Transport (2.Platz). Einige fortschrittliche Unternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt und erfüllen die Klimaziele der Regierung zum Teil schon seit Jahren. Aber insgesamt nimmt die Geschwindigkeit dieser Entwicklung leider jene einer Evolution an. Was wir heute brauchen, ist jedoch eine Revolution auf breiter und internationaler Front. Hierzu bedarf es einer industriellen Produktion, die nicht nur auf hohe Produktivität und niedrige Stückkosten bei geforderter Qualität ausgerichtet ist, sondern die gleichermaßen Kenngrößen einer ökologisch, ökonomisch und sozialen Nachhaltigkeit in das Zielsystem einbindet. Wir brauchen den Willen, Visionen zu realisieren und die dafür notwendigen großen Schritte in produktionstechnischer Forschung, Entwicklung, Erkenntnistransfer und Realisierung zu gehen.

Genau dafür macht sich die Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik, kurz WGP, stark. Sie ist ein Zusammenschluss führender deutscher Professor:innen der Produktionstechnik, die schon lange an die deutsche Regierung appelliert, noch mehr in eine Entwicklung hin zu nachhaltiger Industrie zu investieren.

Die WGP liefert nicht nur innovative Technologien für Produktionsmaschinen und -verfahren, sondern auch Ideen für modernste Fabrikorganisation und Visionen für eine vollkommen neue Industrie.

Über grünen Stahl hinaus arbeiten die Professor:innen an einer anders gearteten Produktion, die z.B. auf Abfallvermeidung, Kreislaufwirtschaft, Energie- und Materialeffizienz sowie Leichtbau basiert. Daraus resultierend entstand das Konzept der Update Factory: So ließen sich unter anderm Lebenszyklen von Produkten drastisch verlängern, Abfälle vermeiden und Materialkreisläufe schließen, indem es in industriellem Maßstab veraltete Produkte mit modernsten Funktionen und Designs aufwertet. Dadurch kann der den Produkten anhaftende CO2-Rucksack wesentlich länger genutzt und „abgeschrieben“ werden. Das Konzept geht weit über bestehende Reparatur-, Remanufacturing- oder Upcycling-Ansätze hinaus.

Ein Teil der Lösung kann die globale Initiative Fab City sein, der sich Hamburg angeschlossen hat, um Methoden zu erforschen und Wege der lokalen (nicht globalen) Produktion unter Teilhabe der Bürger:innen in technisch innovativen Makerspaces zu realisieren. Durch Nutzung der Digitalisierung ist es so möglich, die Datenmodelle der weltweit besten Produktideen individualisiert in genau der richtigen Stückzahl und Qualität, zum angeforderten Zeitpunkt für genau den vorliegenden Kundenwunsch und -ort  zu produzieren. Basis sind neuartige Produktionsmaschinen und Methoden der Planung, Steuerung, Qualitätssicherung und wirtschaftlicher Teilhabe der Bürger:innen. Im Fokus stehen z.B. Produkte des täglichen Bedarfs aus Kunststoff und Metall, Textilien, Möbel, Lampen, Nahrungsmittel und viele mehr. Wir stellen die Wertschöpfungskette auf den Kopf und bieten den Menschen ein System an, von dem jeder profitieren kann – die klassische Industrie inklusive. Politische und unternehmerische Akteure müssen es schaffen, heutige Utopien an alle Bürger:innen zu vermitteln, damit jede und jeder Einzelne für sich selbst das enorme Potenzial verinnerlicht und den Nutzen erkennt.

Klar, Deutschland ist absolut betrachtet nur für einen kleinen Teil des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Aber: Stellen Sie sich vor, Deutschland ginge international voran in Sachen ökologisch nachhaltiger Produkte und Produktion. Die Grundlagen hierfür haben wir – vor allen anderen Playern. Wir stellen Spitzenmaschinen her und sind wichtiger Fabrikausstatter für die ganze Welt. Wäre es nicht eine neue Chance, jetzt weltweiter Ausstatter für ökologisch nachhaltige Produktion zu werden? Und zwar für große Fabriken genauso wie für kleinere Produktionsstätten in Industrieländern und sich entwickelnden Ländern? Denn eine Idee funktioniert nur dann nachhaltig, wenn alle Menschen in allen Ländern sie nutzen und profitieren. Lassen Sie uns diese Chance nutzen, solange wir noch eine Wahl haben.

Prof. Jens P. Wulfsberg, Vizepräsident der WGP, November 2021

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Bild 1: Arbeiten für die Fab City, Jorge Cesar Mariscal Melgar und Mohammed Omer, Wissenschaftliche Mitarbeiter des Laboratorium Fertigungstechnik (LaFT) der Helmut-Schmidt-Universität arbeiten an einem Lasercutter für die Fab City, Quelle: Basti Müller

Bild 2: Prof. Jens P. Wulfsberg, WGP-Vizepräsident und Leiter des Laboratorium Fertigungstechnik (LaFT) der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, Quelle: LaFT Hamburg

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